Samstag, 15. November 2008

Allgemeines zur Baugeschichte von Montabaur


Die Anfänge der Ansiedlung, die später Montabaur genannt wurde, verlieren sich im Dunkel der Geschichte. Archäologen durften wenig dazu beitragen, die frühe Geschichte dieses Ortes zu erforschen. Es mag sein, daß die Einwohner, vertreten durch ihre Stadtpolitiker, wenig Interesse daran hatten, durch höhere Geldbeträge eine solche Forschung zu veranlassen. Es wurden nicht einmal die Fundamentreste der Stadttore ausgegraben, oder der noch vor wenigen Jahrzehnten vorhandene Stadtgraben in seinem Bestand geschützt. Man kann darüber traurig sein, aber es wird wohl mehr Sinn machen, Fehler wieder gut zu machen, um das, was sich noch nachweisen läßt, freilegen zu lassen und zu dokumentieren. Auch müßte genauestens erkundet werden, was bereits erforscht wurde, was noch in Archiven schlummert, was sich noch durcharbeiten läßt, um eine Baugeschichte der Stadt und ihrer Häuser zu erhalten, die durch wissenschaftliche Beiträge stetig wächst. Bislang gibt es nicht einmal eine Veröffentlichung, die den Einwohnern der Stadt zugänglich ist, aus der sich die stilgeschichtliche Entwicklung der Bauten in dieser Stadt nachvollziehen läßt. Man findet Bauten aus der Biedermeierzeit genauso, wie neugotische Bauten, oder Gebäude der Neorenaissance. Auch sind Bauwerke des Jugendstils, des Art Deco oder der Heimatschutzbewegung aufzuspüren. Aber es wurde bislang dazu nicht veröffentlicht. Es mag sein, daß Angaben dazu in Denkmalbehörden schlummern, aber es ist der Öffentlichkeit verwehrt worden, diese Unterlagen einzusehen. All das deutet auf zielstrebig inszenierte Unterentwicklung hin und sagt uns, daß noch sehr viel getan werden muß, um ein Verständnis für die Bauten dieser Stadt zu entwickeln.

Neben den festen Bauten, in denen die Bewohner arbeiteten oder wohnten, gab es auch immer Bauwerke, die nur zu festlichen Anläßen aufgeführt wurden. Aus einem solchen Anlaß heraus bemühten sich die Einwohner, eines der Stadttore nachzubauen, von denen sie eigentlich nicht mehr wußten, wie sie ausgesehen hatten. Man wußte aus Gesprächen, wo diese Stadttore standen, fand aber offensichtlich nicht die Zeit, um der Architektur der ehemaligen Stadttore akribisch nachzugehen, sondern rekonstruierte nach Gutdünken. Heraus kam dabei ein Stadttor in der Bahnhofstraße mit einem großen Rundbogen, als Tordurchfahrt, und seitlichen rundbogigen Mauerdurchläßen für die Fußgänger, die sich ungestört auf den Bürgersteigen bewegen können sollten. Die Zinnen über dem Tor sind eine phantasievolle Zutat, haben aber wenig mit den historischen Stadttoren zu tun, über welche die Stadt Montabaur bis in die Biedermeierzeit hinein verfügte. Der Sehnsucht der Einwohner, ihre alte Stadt zu verstehen, wurde aus festlichem Anlaß ein Stadttor errichtet, das ihnen zumindest den ehemaligen Standort einer Stadtpforte versinnbildlichen sollte.

Die alten Häuser der historischen Innenstadt erlebten so manches Jahrhundert. Aber so alt, wie mancher meint, sind diese Gebäude nicht. Durch Stadtbrände verschwanden die sehr frühen Gebäude. Was danach entstand, wurde über eingewölbten Kellern errichtet, die sich erhalten hatten. Bislang hat man es versäumt, eine systematische Bestandsaufnahme dieser Gewölbekeller zu leisten, um mit Hilfe dieser Unterlagen in der Öffentlichkeit zu diskutieren, was aus diesen Kellern gemacht werden könnte. Sie sind zum Teil recht stattlich, könnten in Teilen miteinander verbunden werden, um für kulturelle Zwecke genutzt zu werden. Eine überaus vorsichtige Sanierung der Bauten vom Gewölbekeller bis zum Dach wird wohl angebracht sein, um die Gebäude der zum Teil sehr verwahrlosten Innenstadt wieder in Wert zu setzen.

Montabaur hat viele Verwandlungsphasen erlebt. Lange Zeit waren die Fassaden der Fachwerkhäuser verputzt worden. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand schließlich das Bedürfnis, das Fachwerk wieder freizulegen. Das Erscheinungsbild der Stadt veränderte sich schlagartig.

Aber nicht nur die Gebäudeansichten unterlagen einem Wandel, auch die Gassen, Straßen und Plätze veränderten ihre Gestalt. War zuvor kein Trottoir vorhanden, änderte sich das schließlich für lange Zeit. Später wurden Fußgängerzonen aus ehemaligen Strassen und Plätzen, die über Trottoirs verfügten und unter dem Durchgangsverkehr zu leiden hatten. Archive bergen Hinweise, ab wann solche Veränderungen eintraten. Es ist wohl angebracht, jegliches Aufkommen der Abänderungen durch ein baugeschichtliches Gerüst zu erfassen und in einen Erklärungszusammenhang zu bringen. Ohne Mithilfe der Bevölkerung wird eine solche akribische Baugeschichtsschreibung nicht durchgeführt werden können, denn manche Archive öffnen sich erst dann für den Forscher, wenn der Besitzer eines Hauses mit einer baugeschichtlichen Bearbeitung seines Hauses einverstanden ist.

Für diejenigen, die sich daran wagen, eine Baugeschichte zu schreiben, bricht eine harte Zeit an. Denn der Beruf des Baugeschichtlers ist den Einwohnern der Stadt nicht geläufig. Sie werden sich daran gewöhnen müssen, daß es auch Menschen gibt, die ihr Einkommen durch eine erarbeitete Baugeschichte erzielen müssen. Ob jemals eine solche Tätigkeit honoriert wird, steht derzeit noch in den Sternen.

Karl-Ludwig Diehl
Deutsches Gewölbemuseum
http://vub-virtuelleuniversittfrdasbauwesen.blogspot.com/

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